Einsame Blume, von Sonja Witter
"Wohl doch nicht so im Stress?", fragte mich ein lieber Mitstreiter, namens Bettgeflüster, der mich mit seinen kleinen Spitzen immer wieder zum Nachdenken bringt. "Wohl doch nicht so im Stress?", fragte mich vorgestern eine Freundin, der ich aus Stress-Gründen abgesagt hatte, als sie mich beim Bummel zwischen Basilikum und Bohnenkraut am Markt erwischt hatte.
Ein guter Moment darüber nachzudenken, warum ich vor etwas oder vor anderen davonlaufe und das mit "zu viel zu tun" argumentiere.
Ja, ich bin job-technisch wahnsinnig eingesetzt. Und nein, ich habe derzeit nicht so viel Zeit, um mich in anderen Blogs umzusehen, über Geschriebenes zu reflektieren und es zu kommentieren. Aber immerhin finde ich zwischen zwei To-Do's stets eine Brücke, die mir erlaubt mich hier einzufinden und Gedankengut treiben zu lassen.
Gut. Warum der Rückzug - z.B. Freundinnen gegenüber? Warum selbst gewählte Einsamkeit, Beziehungs-Askese? M i t und b e i anderen zu sein, registriere ich mit zunehmendem Alter, kostet mich Kraft. Kraft der Projektion, Kraft, andere Konstrukte, andere Gedanken-Kompositionen nachzuvollziehen, Kraft an Verständnisfähigkeit. Vor allem Small Talk macht mich kaputt. Freundliches Nicken nach links und nach rechts, fragend, was denn die Kinder so machen, dabei scheißt sich eh keiner drum was wirklich ist. Heucheln ist Hecheln um das Ja von unbedeutenden Menschen. Dialog raubt - manchmal - Energie. Wenn ich ihn wage, dann ganz. Und genau dieses "ganz" kann ich im Moment nicht, weil ich mich selbst nicht "ganz" fühle, sondern immer nur drei Viertel, im schlechtesten Fall halb. Das ist zu viel um zu weinen. Und zu wenig, um die Welt zu umarmen.
Daher. Stress. Und nur Lust, mich um mich zu drehen. Aber nicht um andere.